Kreistagsrede und Schlussworte zum Umzug des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums

Gestern wurde im Kreistag der Umzug des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums in die Gebäude des Oberstufenzentrums mit deutlicher Mehrheit von 29 Ja- zu 13 Nein-Stimmen beschlossen. Damit endet zum Schuljahr  2016/2017 die über 600 Jahre alte Geschichte des innerstädtischen Schulstandortes in Herzberg. Die mehrjährigen, in den letzten Wochen sehr aufwendig geführten Bemühungen zum Erhalt des Gymnasiums in Nachbarschaft zu Kirche und Rathaus können nun eingestellt werden.
Ehrlicherweise freue ich mich, dass Schüler und Lehrer nun schneller in den Genuss besserer Räumlichkeiten kommen werden. Gleichwohl dies - wenn vielleicht etwas später , aber letztlich nur im Falle einer fairen Betrachtung der historischen Gebäude - auch im Herzen der Stadt möglich gewesen wäre. Warum mussten erst mehr als 20 Jahre vergehen, dass die Lern- und Lehrbedingungen am Herzberger Gymnasium Priorität bekamen?
Die Folgen für den historischen Stadtkern sind derzeit nicht absehbar. Aber es ist so, wie es ist. Machen wir das Beste daraus und messen wir diejenigen, die im Umzug die einzige Alternative sahen, an der Einlösung ihrer Versprechen.

Nachfolgend noch mein Redebeitrag zur Kenntnis, der gestern im Kreistag für ein wenig Aufregung sorgte. Ich betone, dass ich die Worte bewusst so gewählt habe - und ich würde sie auch im Rückblick auf den gestrigen Tag genauso wählen. Es war ja schließlich niemand verpflichtet, sich angesprochen zu fühlen. Zu der von mir beantragten namentlichen Abstimmung ist es leider nicht gekommen, da sich nicht die notwendigen 10 Kreistagsmitglieder fanden, die sich auch über die Abstimmung hinaus öffentlich zu ihrer Entscheidung bekennen wollten. 



"Sehr geehrter Herr Heinrich-Jaschinski, sehr geehrte Mitglieder des Kreistages, sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung, sehr geehrte Gäste,

ich spreche zu Ihnen heute nicht nur als Kreistagsmitglied, ich spreche zu Ihnen als Bürger der Stadt Herzberg. Nur dem Wahlglück aus dem letzten Jahr haben wir es als Befürworter des historischen Standortes zu verdanken, dass unsere Stimme auch in diesem Gremium Gehör findet. Gleichwohl es scheint, dass die Würfel bereits gefallen sind, mache ich heute von dieser Stimme noch einmal Gebrauch.

Ich möchte zunächst die Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg zitieren, welche das Haus 1 des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums im August 2013 als Denkmal des Monats ehrte:
„Die Historie Herzbergs ist seit jeher aufs engste mit der Entwicklung des Schulwesens der Region verbunden. Bereits seit 1377 ist die Herzberger Schule als städtische Schule benannt, was zu Zeiten von Klosterschulen ausgesprochen fortschrittlich war. Guten Ruf und letztlich ihren Namen erhielt die Schule von Philipp Melanchthon, der gemeinsam mit Martin Luther am 14. Februar 1538 auf Veranlassung der Stadt die später deutschlandweit angewendete „Herzberger Schulordnung“ verfasste.“

Das Motto der Aktion „Denkmal des Monats“ stand 2013 bezeichnender Weise unter dem Motto „Alte Stadt - Jugendfrei?!“. Vielleicht haben Sie das, liebe Kolleginnen und Kollegen Kreistagsabgeordnete, ja auch in den Unterlagen gelesen, die Ihnen die Initiativgruppe, deren Mitstreiter ich selbst bin, zugesandt hat. Dies haben wir nicht getan, um Sie zu belästigen. Vielmehr wollten wir als Herzberger zeigen, dass die innerstädtische Schule nicht einfach nur irgendeine Schule ist, sondern, dass die direkte Nachbarschaft von Schule, deren Schüler, Kirche und Rathaus an einer Stätte der Reformation in der heutigen Zeit etwas ganz Besonderes ist, dass es zu erhalten gilt.

Ich bedauere, dass uns das scheinbar nicht gelungen ist. Für die Einen sind es eben nur lästige Sentimentalitäten. Für uns Herzberger ist es aber die Erkenntnis ein mit Leben gefülltes städtebauliches Ensemble zu besitzen, welches Heimat, Identität, Bildung und städtisches Leben miteinander vereint.

Ich bedauere, dass mehr als 1.500 Unterschriften keine Beachtung finden. Was würde das Berliner Abgeordnetenhaus zu 600.000 Unterschriften sagen? 600.000 Unterschriften klingen natürlich besser, bilden aber dasselbe Verhältnis zur Einwohnerzahl ab, wie 1500 Unterschriften in Herzberg. In Berlin reichten übrigens 230.000 Unterschriften aus, um die Bebauungspläne des Senats für das Tempelhofer Feld zu stoppen.

Ich bedauere, dass eine durch die Herzberger Stadtverordnetenversammlung abgegebene Resolution keine Beachtung findet, welche Anfang 2013 ohne Gegenstimme zugunsten des Erhalts der innerstädtischen Schule beschlossen wurde.

Ich bedauere, dass eine im Januar 2015 von Herzberger Vereinen und Institutionen erarbeitete gemeinsame Position zum Erhalt des Gymnasiums in der Innenstadt keine Beachtung findet. Eine gemeinsame Plakataktion der Herzberger Gewerbetreibenden im Stadtkern findet ebenfalls keine Beachtung.

Ich bedauere, dass selbst ein offener Brief, der überzeugend die Wertigkeit des historischen Schulstandortes hervorhob, von der Mehrheit der hier gleich Abstimmenden nicht beachtet werden wird.

Auf welchem hohen Ross sitzen die Ja-Sager dieses Gremiums denn, wenn sie sich ignorant und arrogant über den mehrfach deutlich geäußerten Mehrheitswillen der Herzberger Bürgerschaft hinwegsetzen? Es muss sich doch hier in dieser Runde keiner wundern, wenn die Menschen völlig zu Recht zu dem Schluss kommen: „Die da oben machen ja sowieso, was sie wollen!“. Da können wir hier in diesem Gremium Resolutionen an das Land Brandenburg beschließen wie wir wollen. Glaubwürdig ist das nicht, wenn dann eben von diesem Gremium eine Entscheidung über die Köpfe der Herzberger hinweggetroffen wird.

Wer von den heutigen Ja-Sagern hat sich denn wirklich mit der kulturellen Bedeutung des innerstädtischen Gymnasiums für die Stadt Herzberg und den Landkreis Elbe-Elster beschäftigt? Verstecken sich die Ja-Sager vielleicht nicht einfach nur aus Bequemlichkeit hinter dem Begriff der Lern- und Lehrbedingungen und dem Buchwert der OSZ-Gebäude? Natürlich macht es Arbeit sich mit einer tragbaren und nachhaltigen Variante für das Gymnasium in Herzbergs Innenstadt zu befassen. Natürlich muss man dann auch die Herzberger mit einbeziehen und sowas vor allem öffentlich diskutieren. Reduziert sich der Buchwert wirklich, wenn man sich um eine Nachnutzung der OSZ-Gebäude bemüht und diese hinbekommt? Um eine Nachnutzung muss sich doch so oder so bemüht werden, im Herzen der Stadt Herzberg nur unter der Last von nicht kalkulierbaren Folgen.

Denjenigen, die in letzter Zeit immer wieder reflexartig nach besseren Lernbedingungen für das Herzberger Gymnasium gerufen haben, wo waren Sie vor 4, vor 7 oder vor 10 Jahren? Wenn ich im Kreisausschuss höre, dass der Schulleiter die Bedingungen in seinem Gymnasium seit Jahren angemahnt hat, taugt dies nicht etwa als Argument für den Umzug. Es ist vielmehr ein Eingeständnis von Versäumnissen.

Ich bleibe dabei: Gute Lern- und Lehrbedingungen stehen nicht im Widerspruch zum historischen Standort! Der Widerspruch besteht nur darin, alle Möglichkeiten einer Verbesserung für Schüler und Lehrer am historischen Standort von vornherein auszuschließen. Wenn man etwas wirklich will, dann geht das - auch in unserem Kreis. Da brauchen wir von hier aus keine 50km weit schauen. Da rücken Gärtnerhäuschen ganz hoch in der Prioritätenliste der Millionenausgaben. Dass dann die Frage „Was brauchen wir da“ ausgerechnet an einem wirklich einzigartigen Schulstandort mit „Das geht nicht“ beantwortet wird, kann nur als Willkür angesehen werden.

Auch gibt es Menschen, die behaupten, man müsse die Emotionen aus diesem Thema raushalten. Wenn bei der Diskussion um einen 600 Jahre alten Schulstandort keine Emotionen erlaubt sind, wo wollen wir sie denn dann überhaupt zeigen? Sind es nicht sogar Emotionen, die Leidenschaft entfachen und Ideen sprudeln lassen? Sind wir 2015 soweit, dass wir keine Emotionen haben dürfen, wenn es um unsere Heimat und Identität geht?

Denjenigen, für die es populistisch ist, wenn Initiativgruppen versuchen, zukünftigen Fehlentscheidungen entgegenzuwirken oder für die es befremdlich ist, wenn Kreistagsmitglieder vor einer Ausschusssitzung Informationen verteilen, sei gesagt: Das ist Demokratie! Und wer mit der Demokratie Probleme hat, sollte sich bitte die Frage stellen, ob er in einem Parlament nicht vielleicht fehl am Platze ist.

Ich stelle leider fest, so wie es die Beschlussvorlage und die vorangegangene Abstimmung im Kreisausschuss zum Ausdruck bringen, tragen wir heute einen Teil der Herzberger Identität zu Grabe. Und das nur, weil sie es trotz eines nahezu unbezahlbaren ideellen Wertes nicht mit dem Buchwert des Oberstufenzentrums aufnehmen kann. Einige können mit den Begriffen Identität oder Heimat sicher nicht mehr viel anfangen. Es ist doch in der heutigen Zeit vieles beliebig und austauschbar geworden. Wenn wir es nicht mal im Kleinen schaffen, Identität zu bewahren, wie soll es denn dann im größeren Rahmen gehen? 

Okay, die Beschlussvorlage enthält nun auch eine Aula sowie Renovierungsmaßnahmen für die Räume des Oberstufenzentrums. Ein positives Zeichen, dass man nun wenigstens auf die Wünsche von Lehrern und Schülern eingeht. Die Beschlussvorlage enthält aber nach wie vor keine verbindlichen Aussagen zur Nachnutzung der innerstädtischen Gebäude und auch keinen zeitlichen Rahmen, in dem diese einer Nachnutzung zugeführt werden sollen. Man darf gespannt sein, wer die notwendigen Diskussionen um die Nachnutzung mit dem Verweis auf den Kreishaushalt oder die Kreisgebietsreform erstmal auf die lange Bank schiebt. Ich mag mir heute die Gesichter derer nicht vorstellen, die 500 Jahre nach der Reformation unseren Landkreis und die Stadt Herzberg besuchen und an einer historischen Stätte gähnende Leere entdecken werden. Das wäre ein wirkliches Armutszeugnis für uns alle.

Wenn Sie der Meinung sind, dass der kreisliche Haushalt durch einen Umzug geschont wird, stimmen Sie zu!
Wenn Sie diesem Beschluss auch zustimmen würden, wenn es da um Ihren Ort ginge, dann stimmen Sie zu!
Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie dieser schwerwiegenden Entscheidung mit den bisher vorgelegten Informationen gewachsen sind, dann stimmen Sie mit Nein. Die Bürger der Stadt Herzberg wären Ihnen für diesen Neuanfang der Diskussion um den Schulstandort dankbar.

Seien Sie sich aber bewusst: Sie tragen mit Ihrer heutigen Ja-Stimme maßgeblich zur Zerstörung von Tradition, Heimat und Identität bei. Vielleicht werden wir Ihnen in Herzberg eines Tages Ihre Fehlentscheidung vergeben. Aber es sollen diejenigen in unserer Stadtgeschichte Eingang finden, die uns unser Objekt der Liebe und Pietät genommen haben.

Ich beantrage deshalb die namentliche Abstimmung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"

Christian Voigt
Falkenberg, Haus des Gastes, 30.11.2015